Posts mit dem Label Subjektive werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Subjektive werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 21. Juni 2007

Der Tatort ...

... von einigen Filmgesprächen und Seminar, la salle Renoir im 3. Stock des Institut français, 66 Treppenstufen oberhalb des Cinéma Paris gelegen. Welch ein Luxus: Schlussredaktion bis drei Minuten vor Filmbeginn! Und unsere Gäste hatten es auch nie weit.
Vielen Dank an alle vom Institut Français, die das möglich gemacht haben.

Was ich vergaß zu fotografieren: Den Raben aus Pappmaché, der an einer Schnur baumelt, die an einer blauen Brücke festgemacht wurde, die wiederum quer über den Hof geht. Geheimnisvoll ...

(gepostet von Caroline)

Mittwoch, 20. Juni 2007

Das besondere Erlebnis: Festival

Am vergangenen Samstag, 16. Juni 2007, lief „Mon frère se marie“ von Jean-Stéphane Bron in Anwesenheit von Jean-Luc Bideau (Schauspieler) im Cinema Paris. – Eine Schweizer Komödie, die nicht normal gestrickt ist, sondern durch Improvisation zu dem wurde, was die Leinwand bot: Eine „besondere Farbe“, die sich in uns mit einem ständigen Grinsen ausdrückte, dass man beinahe zu unterdrücken suchte. Denn zum Lachen wurde das Publikum durch Bideau schon vor Filmbeginn gebracht. Er gab zu verstehen, dass er auf viele Fragen nach dem Film hofft und gern mit ein paar Dummheiten antworten werde. – ein Plus des Festivals: nach Belieben fragen und plaudern.

So, oder so ähnlich kam es auch: Nachdem viel gelacht und gespannt der Film verfolgt wurde, die Lichter wieder angingen und der Vorhang geschlossen wurde, drangen die ersten, vorsichtigen Fragen zu Bideau. Die Situation gestaltete sich etwas weniger lustig denn wohlwollend und ehrlich: Was sich im Film längst andeutete, bestätigte sich nochmals durch Bideaus Antworten: Tragik und Komik liegen sehr nah beieinander und wiegen sich zu Gunsten des Films meist auf. Sie verwischen die Wahrheit und heben sie gleichzeitig hervor.

Vielleicht liegt das Besondere an „Mon frère se marie“ in der improvisierten und langen Dreharbeit, sowie am Drehteam, samt Schauspieler. Das Besondere an dem Abend war, dass Jean-Luc Bideau die Stimmung, die der Film evozierte, ebenfalls vermitteln konnte, was zeigte, in wie fern man eins werden kann mit einem Werk, und welch starke Wirkung das auf die Umgebung haben kann.

Durch die Hintergründe, von denen Bideau berichtete (die momentane Filmsituation in der Schweiz, Probleme während der Dreharbeiten etc.) und durch die Freude, die er während des Erzählens ausstrahlte, verließ das Publikum mit zufriedenen Gesichtern den Kinosaal.

lisa

Dienstag, 19. Juni 2007

Lisa und Katja unterhalten sich über: "Les Ambitieux" von Catherine Corsini

K: Ja Lisa, würdest du denn den Film jemandem empfehlen, dass er sich den angucken soll?

L: Hhm, von meinem eigenen Standpunkt aus und meinem Faible für Filme: Nein!

K: Warum denn nicht?

L: Weil er mir zu geradlinig gestrickt ist, eine typische Drei-Akt-Struktur hat: Charaktere werden eingeleitet, ihre Handlungen... man weiß einfach genau, was sie als nächstes tun werden und was als nächstes passiert. Was sagst du denn?

K: Also was mir am Anfang aufgefallen ist, ist dass der gesamte Anfang komplett über Dialoge erzählt wird, also über Sprache. Wenn sie nicht erzählen würden, wer sie sind und was sie machen, würde man das niemals rauskriegen. Ich fand, dass ein Film so nicht gut anfängt. Dass dann ein Moment kommt, der eine ganz gute Idee ist, ganz witzig ist - diese Verwechslung im Büro - das ist ganz nett. Und von da an wird der Film aber eigentlich immer schlimmer bis zum Ende, was ganz furchtbar ist.

L: Ja, das ist auf einer Seite natürlich Kitsch pur, aber es ist französisches Komödienkino, und dafür ist der Film perfekt.

K: Ja, lieben das die Franzosen??

L: Das ist so typisch französisch, so wie ich es kennen gelernt habe, haut’s einfach nur hin: Diese Frau, wie sie aus der Bourgeoisie kommt, wie sie keine Gefühle zeigt, wie sie natürlich auf ihre Art über-ambitioniert ist - „les ambitieux“ man denke daran – und wie sie halt mit aller Kraft versucht ihre Schönheit, ihre Eleganz und ihr absolutes Dasein aufrecht zu erhalten, was natürlich nicht funktionieren kann. Das ist auch die einzige Essenz, die ich aus dem Film gezogen hab: Sie versucht natürlich nicht zu zeigen, dass sie überhaupt Gefühle hat und das ist der einzige Bruch den der Film macht, dass er halt zeigt, dass da doch Gefühle im Spiel sind und dass ein Mensch, gerade in unserer heutigen Gesellschaft eigentlich das Bild gibt, dass die Frau darstellt. Auch der Julien
ist ein typischer Gesellschaftsmensch, ist halt eher der Introvertierte, der versucht dringend irgendwas zu machen. Aber halt auch scheitert wie die tolle Pariser Schnecke, die halt sowieso on top steht und mit so’nem tollen Fernsehstar liiert scheint...Ja aber das einzige, was dabei herauskommt ist, dass man solche Menschen brechen kann und das man die aus ihren Gefühlen und aus ihren Ängsten herausholen kann, so dass sie einfach mal Menschen werden, wie wir sie allein oft nicht sein wollen und nicht versuchen sich der Gesellschaft anzupassen um möglichst toll zu sein.

K: Aber das fand ich bei dem Film auch so schade, weil ich fand - insgesamt, wie die Story aufgebaut ist, das war alles so wahnsinnig ausgedacht und unglaubhaft auch. Das dann irgendwie, als es dann „echt“ wird, dann wird geschrien und geheult und irgendwie soll dann ein wirkliches Drama passieren. Mir ging es dabei so, dass ich das dann eher lächerlich fand, weil es für mich
überhaupt nicht unterfüttert war. Also ich konnte das überhaupt nicht richtig nachvollziehen... ihren Zusammenbruch und so...Der war... vielleicht konnte man den nachdenken, aber ich konnte den nicht nachfühlen, weil der nicht... Da war nichts in dem Film und man konnte das alles nicht glauben, und das find ich immer besonders peinlich, also dann soll ein Film ne oberflächliche Komödie bleiben, aber wenn er dann versucht in die unteren Schichten vorzudringen, dann tuts irgendwie weh.

L: Okay, ja...

K: Eins fällt mir noch ein, weil du sagst: „typische französische Komödie“ ...

L: Ja, also auf diese typische Bourgeoisie-Art kann ich halb aus Erfahrung sagen, dass es das genau trifft. Und das Ding, was du gerade meintest, mit den Gefühlen, ist halt das Problem am Film. Das kann man, wenn man möchte, schon am Titel erkennen. Er ist halt über-ambitioniert.

K: Stimmt!

L: Er versucht halt alles in eine Tasche, eine Filmtasche, eine Filmrolle zu packen. Kann er aber nicht, weil: entweder oder: entweder Komödie oder Gefühl. So ein Mix ist leider sehr oberflächlich, aber genau das, was die Bourgeoisie gerne sieht. Sie sieht sich selber darin, sie weiß auch das sie Gefühle hat, aber sie lacht dann drüber: Huch, jetzt wird sie hysterisch, huch, jetzt kriegt sie einen Anfall, ha ha ha, ist das lustig. Also sie würden eher noch drüber lachen, wo ich halt sage: Hey das ist jetzt mal ein Funke, der ein bisschen Wahrheit sein könnte, der in solchen Szenen aber untergeht.

K: Hat irgendwo auch etwas teenagerhaftes. Also ich fand es wahnsinnig naiv, von der Geschichte her und auch wie es gemacht war. Also wie so ein Teenager, wie als ob sich so ein ganz junger Mensch diese Geschichte ausgedacht hätte und ich hab mich gefragt... Ich hab neulich einen Film gesehen, der hier ins Kino kam, und zwar „Kann das Liebe sein“, mit dem wunderbaren Titel und einer wunderbaren Besetzung: Sandrine Bonnaire und noch ein ganz guter Schauspieler (Vincent Lindon). Und das war ganz niedlich, aber auch eine recht einfallslose Komödie. Und ich dachte so: Ah, das ist doch so unfranzösisch, das kam mir so amerikanisch vor. Aber vielleicht stimmt das gar nicht, vielleicht wird es da in den gehobenen Gesellschaftsbedürfnissen gern gesehen.

L: Das ist auch genau die Sache, die Pascal Mérigeau angesprochen hat. Er ist so ein Verfechter des Cinéma d'Art et d'Essai und kritisiert, dass die Großen der Branchze immer mehr auf Hollywoodfilme setzen, so dass das amerikanische Kino jahrelang am besten da stand, gleich danach kommen schon die französischen Filme, von denen einige sehr kommerziell und teuer gemacht sind. Ein Kreislauf: Die Begeisterung des französischen Publikums für amerikanische Filme führt dazu, dass das französischen Publikum immer mehr mit Einfachem und Bewährtem “von zu Hause” gefüttert wird und es will eigentlich auch gar nichts anderes mehr sehen. Auch die offiziellen Einrichtungen Frankreichs schmücken sich gern mit dem französischen Kommerzkino. Demzufolge passen sich französische Produktionen an. Mérgeau hasst die UGC-Kette und die Vertreter des Kommerzkinos einfach mal. Und er hat viele Artikel im Nouvel Observateur und jetzt sogar ein Buchz dazu geschrieben, eine Art Abschied vom Kulturkino. Das französische Kino verflacht
auch deswegen, weil die Produzenten Kooperationen mit Fernsehsendern eingehen, die das Geld geben, damit so ein Film überhaupt produziert werden kann und dann muss der Film auch fernsehtauglich sein. Und was macht man abends vor dem Fernseher, als typischer Couchpotato, man guckt sich vielleicht ne Komödie an - und das ist genau, was der Film gemacht hat.


K: Genau, und ein bisschen Gefühl reingemixt.

L: Muss ja auch sein! Eben eine kleine Attitüde, die n bisschen schade ist über eigentlich ambitionierte, junge Menschen, die einmal raus in die Welt wollen. – Bis nach Deutschland auf die französische Filmwoche haben sie es geschafft...


K: ...und man fragt sich wie!

L: Das wird vielleicht das Publikum noch erfahren, da er als Abschlussfilm laufen wird am kommenden Mittwoch.


Das Gespräch wurde unbearbeitet wiedergegeben.

Notizen am Rande: "L'Intouchable"

ein Film von Benoît Jacquot 2006, Frankreich

...Klatsch!…
...ein unberührbarer Vater…
...ein unerträglicher Alltag
...ein hysterischer Brecht...
...ein sesshafter Nomade...
...ein unbekannter Unberührbarer...

An ihrem Geburtstag erfährt Jeanne von ihrer Mutter, dass sie einen indischen Vater hat, der zudem zur Kaste der Unberührbaren gehört. Danach kämpft sich die Fabel durch das Dickicht, Jeanne auf der Spur, die von dem Wunsch besessen ist, ihren Vater zu finden.

Der Film verbindet das Genre Road-movie mit existentiellen Prüfungen. Wir begleiten Jeanne auf eine Reise in das für sie unbekannte Indien. Um das möglich zu machen, muss sie sich zunächst selbst überwinden, ihr Theaterengagement aufgeben, sich auf dem Kinoaltar opfern, den sie abgrundtief hasst. Es fällt ihr relativ leicht, die Aufgaben dieser Prüfungen zu erkennen, zu bestehen und in dem dichtbesiedelten Indien den richtigen Weg zu finden. „Folge deiner Intuition, deinem Unbewussten, folge dir selbst...“, lautet ihre Maxime.

Wir lernen Jeanne in einem Moment von Emotionslosigkeit und Zurückhaltung kennen, wo sie an den Kulissen ihres Lebens vorbeigleitet. Sie verlässt die gewohnte und vertraute Umgebung, um ihre Freiheit zu gewinnen. Den Höhepunkt, der ihre Existenz ins Gleichgewicht bringt, erreicht die Reise in Indien. Ab dem Augenblick, in dem sie ein Bild von ihrem Vater hat, sind die Filmbilder gesättigt und Farbe wird zum wichtigen Element.

Jeanne - und damit auch der Zuschauer - ist der Distanzlosigkeit der Kamera ausgeliefert. Die Kamera folgt ihr und dem eigenartigen Panoptikum um sie herum auf Tritt und Schritt. Durch diese mobile, bewegliche Kamera und das minimalistische Licht wird der Film auf seine Art dokumentarisch.

Die Kameraführung verzichtet auf jegliche Bewertung des Geschehens. Sie beschränkt sich auf die Darstellung von Ereignissen: ein bestimmter Mensch in einer konkreten Situation, mit der wirklichen Vielfalt seiner unmittelbaren Lebenserfahrung, in der die notwendigen und zufälligen Momente miteinander verwoben sind.

Jacquot zeigt das Leben als eine unaufhörliche Unbeständigkeit, als eine diskrete Mischung aus verschiedenen Ereignissen, die trotz ihres bunten Mosaiks ein Lebensornament zeichnen.

Siehe auch Kritik zu L'Intouchable

Montag, 18. Juni 2007

Zuschauergespräch mit Maïwenn

Der Film ist zu Ende, doch wo ist die Regisseurin, die angekündigt wurde? Man schaut enttäuscht Richtung Tür, keiner hat Lust aufzustehen und zu gehen. Da betreten sie den Kinosaal, Maïwenn, die Regisseurin von „Pardonnez-Moi“ und die Cutterin Laure Gardette. Das Gespräch wird fast eine Stunde dauern, der Film hat viele und vieles in Bewegung gebracht.

Ich möchte hier nur einige interessante Fakten zur Produktion des Films wiedergeben. Denn: worum es ihr im Film ging? Bitte unbedingt anschauen, wenn er hoffentlich in die deutschen Kinos kommt! Und auf private Fragen mochte sie nicht antworten, z.B. ob ihre Eltern „Pardonnez-Moi“ gesehen und wie sie reagiert haben. Sie ärgert sich über die französische Presse, die in den meisten Beschreibungen der persönlichen Story Maïwenns mehr Raum gab, als dem Film als Kunstwerk, den formalen Aspekten und den Schauspielern.

„Pardonnez-Moi“ ist der zweite Spielfilm von Maïwenn, die schon sehr jung als Filmschauspielerin startete. Da ihr für ihr Vorhaben keinerlei Förderung zur Verfügung stand, löste sie ihre Lebensversicherung auf, um drehen zu können. Dabei arbeitete sie ganz auf sich gestellt, ohne Produktionsfirma. Nur wenige der Schauspieler, die sie sich für die Rollen gewünscht hatte, wollten sich auf das Experiment einlassen. Aber als Zuschauer wünscht man sich keine anderen! Sie haben sich auf das Experiment dieses Films eingelassen, weil sie gerade mit dieser Arbeitsweise besonders gut umgehen können, so scheint es.

Experiment: Es gab nie ein Drehbuch. Maïwenn hat Szenen geschrieben, die Dialoge aber nur angedeutet. Die Schauspieler sollten den Text improvisieren, genau wie ihre Handlungen. Geprobt wurde nicht. Dafür wurden die einzelnen Einstellungen zum Teil bis zu einer halben Stunde laufen gelassen, so dass es viel Raum gab, die Szenen und das Spiel zu entwickeln. Der Film wurde in nur fünfzehn Tagen gedreht, wobei fünfundfünfzig Stunden Material entstanden.

Als Violetta will Maïwenn in „Pardonnez-Moi“ einen dokumentarischen Film über ihre Familie drehen. Die Kamera dient ihr als Hilfsmittel, als Waffe kann man sagen, um Schweigen und Lüge zu überwinden. Sie persönlich, so Maïwenn, wäre nicht in der Lage gewesen, einen Dokumentarfilm zu machen. Sie brauchte den Schutz der Fiktion.

Die Stunde ist schnell herum gegangen, es betreten die Zuschauer für den nächsten Film den Saal. Interessant, dass im Gespräch nur Franzosen und Französinnen Fragen stellten. Vielleicht waren wir die einzigen Deutschen im Kino? Oder es ist die typisch deutsche Zurückhaltung, die sich gezeigt hat. Wir hören eben auch gerne mal nur zu...