Sonntag, 17. Juni 2007

Hohle Gesten - «L’intouchable»



Als Jeanne erfährt, dass ihr Vater ein Inder aus der Kaste der „Unberührbaren“ ist, macht sich die junge Schauspielerin auf die Reise in das Land ihres vermeintlichen Vaters. „L’intouchable“ - nach „Sade“ (2000) und „A tout de suite“ (2004) der dritte gemeinsame Film von Hauptdarstellerin Isild Le Besco und Regisseur Benoît Jacquot - ist ein Film der Gesten und Blicke.

Die im Titel erwähnte Berührung - oder eher ihre Unmöglichkeit – wird im Film in zahlreichen Facetten widergespiegelt. Die erste Einstellung des Films ist eine Ohrfeige, die Jeanne von ihrer Mutter bekommt. Höhepunkt eines Streits, der vielleicht Anlass für die Mutter war, ihr das Schweigen über die Identität von Jeannes Vater endlich zu brechen. Berührungen geschehen jedoch auch aus Verlegenheit oder aufgrund einer räumlichen Enge, wie etwa der Kuss eines Fremden oder ein scheinbar zufälliger Körperkontakt in der U-Bahn. Die nicht zugelassenen Berührungen, wie die Ablehnung körperlicher Zärtlichkeit des Liebhabers oder auch nur eine unterbundene Umarmung zwischen Bruder und Schwester, zählen wohl zu den besonderen Augenblicken des Films.
Jeanne ist Schauspielerin. Gesten und Blicke sind gewissermaßen ihr Beruf – Werkzeuge ihres Handwerks. Dementsprechend professionell nimmt Jeanne eine Filmrolle an, um sich die Reise nach Indien leisten zu können. Intimität und der körperliche Ausdruck menschlicher Gefühle werden am Set mit Scheinwerfern ausgeleuchtet und technisch zur Schau gestellt.
In einem Vorgespräch verglich Autor und Regisseur Benoît Jacqout die Intimität zwischen den Darstellern und Inszenierenden bei der mise-en-scène gern mit einem Akt der Liebe. Zum Gegenentwurf muss sich Jeanne schließlich während der Dreharbeiten des Films im Film durchringen. Eine Sexszene wird zur Superlative der hohlen Gesten. Die Kamera dokumentiert dirigierte, mechanische Bewegungen, Blicke und Gesten. Eine Selbstreferenz, in der Jacquot zeigt, wovon er sich abzugrenzen begehrt, indem er versucht, die Kamera Zeuge des Austauschs und Wechselwirkens von Figur, Darsteller und Regisseur werden zu lassen. Fraglich bleibt jedoch, welche Art von Intimität Jacquot mit der ausführlichen Darstellung einer weiteren „professionellen Berührung“ zu erzeugen versuchte, wenn die Kamera minutenlang den Körper seiner Muse Isild le Besco bei einer Ayurveda-Massage filmt.
Nach ihrer Ankunft in Indien gibt es eine Zäsur in der Subjektiven. Eine lange Einstellung zeigt eine volle Straße in Delhi. Immer wieder blicken Passanten neugierig, erstaunt oder amüsiert in die Kamera. Es sind die Blicke auf eine Fremde. Blicke, die Jeanne auf ihrer gesamten Reise begleiten werden. Und dennoch ist Jeanne hier nicht fremder als in Frankreich. Plötzlich läuft sie selbst in das Bild, das in der Sekunde zu vor noch ihr eigener Blick gewesen ist.
Geschickt hat sich Jacquot einen Produktionsumstand als Mittel der filmischen Desillusionierung zu Nutze gemacht und zeigt, dass in den Blicken der Verwunderung und Skepsis mehr Aufrichtigkeit liegt als die körperlichen Gesten und Berührungen, die Jeanne vor ihrer Abreise erfuhr. In Indien, wo Berührungen rar sind und nicht inflationär verschenkt werden, erkennt Jeanne die Bedeutung einer ausgestreckten Hand neu. Somit ist nicht der fehlende Vater durch seine Unerreichbarkeit unberührbar im Sinne von unerreichbar gewesen; sondern vielleicht war Jeanne selbst schon zum Zeitpunkt ihrer Abreise nach Indien die Unberührbare  -  l’intouchable!



«L’intouchable» (2006) 

Drehbuch & Regie:
Benoît Jacquot
Darsteller: Isild Le Besco, Bérengère Bonvoisin, Marc Barbé, Manuel Munz Louis Do Lencquesaing

Kommentare:

Daniela hat gesagt…

Sehr schön beschrieben. Leider bekommt man solche Filme hier nicht.

Nur eine Kleinigkeit: es muss "untere" Kaste heißen, nicht obere. Die Unberührbaren sind eigentlich kastenlos, weil sie als so niedrig betrachtet werden, zählen inzwischen aber meist mit in der "unterste Kasten"-Kategorie.

LG
Daniela

Marc hat gesagt…

Vielen Dank für den Hinweis. Hab meinen Fehler bzgl. der Kaste der "Unberührbaren" korrigiert.

Schöne Grüße
Marc