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Freitag, 22. Juni 2007

Côte d'Azur-Fassaden: "Hors de prix"


„Hors de prix“ ist ein filmischer Film. Das mag überflüssig klingen, ist aber ein paar Sätze wert. Regisseur Pierre Salvadori und Bildgestalter Gilles Henry verlassen sich beim Erzählen auf visuelle Mittel. Zehn Cocktailschirmchen im Haar – voilà , fertig ist die volltrunkene Protagonistin. Assoziative Schnitte jagen die Handlung voran: Vom kichernd durchs Bett rollenden Paar auf die rasende Drehtür. Die Montage lässt der Romantik nicht viel Zeit. Seine goldenen Farben kann der Film im breiten Cinemascope entfalten, jenem Format, mit dem das Kino sich gern als „großes Erlebnis“ profiliert.

Formal zeigt der Film also großes Kino. Und kann sich in seiner Geschichte ganz der Demontage von Illusion und Schauspiel widmen. Wir befinden uns an der Côte d'Azur, in der Welt der emotionalen Kulissen zwischen Nizza und Monte Carlo. Irène (gespielt von der doch wandlungsfähigen Audrey Tautou) hat sich einen reichen älteren Herrn angelacht und hofft auf lukrative Heirat. Im Urlaub vergnügt sie sich allerdings mit dem Barkeeper Jean, den sie für einen jungen Millionär hält – und verliert ihren Gönner. Sie lässt auch Jean fallen, als sie erfährt, dass er nicht zu den besseren zehntausend gehört und sucht nach Ersatz. Doch Jean hat sich verliebt und folgt ihr. Soweit die filmisch schon vielfach durchdeklinierte Verwechslungsgeschichte. Doch nun zeigt sich die besondere Haltung des Films zur Fassade: Obwohl Irène weiß, dass Jean nicht reich ist (sowie er auch weiß, dass die Verwechslung aufgelöst wurde), nötigt sie ihn, seine Rolle weiterzuspielen bis er bankrott ist. Dann verabschiedet sie sich. Eine Kommunikation außerhalb des Mediums Wohlstand ist nicht möglich.

Dass Jean sich nun seinerseits im gleichen Hotel als Gigolo durchs Leben schlägt, sorgt für gut getimeten Slapstick-Humor. Und weil Jean sich nun wieder in der Welt der Schönen und Reichen bewegt, für eine Ebene mit Irène. Sie lehrt ihn den „Killer-Look“, man feilt gemeinsam an den standesgemäßen Zicken-Tricks.

Nicht nur die Protagonisten sind sich des Spiels bewusst. Auch die umgarnten Gönner/innen wissen genau, dass es nur um ihre Kreditkarten geht. Aber scheinbar kümmert es sie nicht. Hauptsache Leben im Leben.

„Belogen werden wollen“ könnte man den Zustand nennen, den „Hors de prix“ aufzeigt. Und dem Irène und Jean dann endlich entfliehen dürfen.

Irgendwie cleveres Detail: Eine goldene Kreditkarte wird intensiv mehrfach in Großaufnahme vorgeführt. Payoff eine Viertelstunde später: Jeans bunte Girokontokarte sorgt für einen Lacher...

Donnerstag, 21. Juni 2007

Itinéraires - auf der Flucht mit Christophe Otzenberger und Yann Trégouët

Wohin dieser Weg führen wird, bleibt offen. Er beginnt in einem französischen Dorf - man darf auch sagen Kaff, um etwas von der Atmosphäre anklingen zu lassen. Thierry, vielleicht gerade volljährig, vertreibt sich die Zeit mit kleinen Gaunereien – Einbrüche beim Schweinezüchter, Ferkel werden befreit, Fleisch wird vertickt. Langeweile, jugendlicher Übermut. Doch dann stirbt ein Mann. Thierry steht dabei, kann nicht verhindern, was sein Freund tut, fühlt sich schuldig. Mit wenigen Strichen ist ein Charakter entstanden, ein junger Mann voll Überschwang und Schüchternheit. Er schießt nicht und kein Schuss trifft ihn, aber er wird getroffen von seinem Gewissen, kann sich nicht entziehen.
Nach dem Gefängnis, ein Déjà-vu – Thierry findet in der Fahrerkabine eines Fernlasters einen Toten. Er meldet sich bei der Polizei, gerät als Vorbestrafter schnell in Verdacht, ist gefangen gehalten von ignoranten Kommissaren und Richtern. Dann beginnt die Flucht.
Die Spannung, von der „Itinéraires“ durchgehend getragen wird, ist nicht die einer wilden Verfolgungsdramaturgie. Diese Flucht ist selten Schnelligkeit. Sie ist Stillstand, Bewegungslosigkeit, Hilflosigkeit. Die Flucht hält Thierry gefangen. Es ist die kompromisslos ehrliche Darstellung der Personen und ihrer Begegnungen, mit der es Regisseur Christophe Otzenberger gelingt, die Zuschauer in innerer Bewegtheit zu halten. Er gönnt sich und seinem Film keine Vereinfachungen und er verkompliziert auch nicht. Er sucht nach Genauigkeit, beschreibt ohne Wertung. Wenige Szenen, die Thierry nach seinem Gefängnisaufenthalt im Elternhaus zeigen, genügen, um seine Kindheit auferstehen zu lassen, geben seinem Charakter Tiefe, ohne die Eltern zu denunzieren. Kleine Gesten eröffnen dem Blick Wege, die an kein Ende kommen, zu keinem festgeschriebenen Bild. Der Blick bleibt in Bewegung.
So geht es weiter, auf dem ganzen Weg durch farblose Vorstädte und Dörfer. Thierry begegnet Menschen und macht sie sichtbar. Diese Begegnungen sind alles, was er hat. Manche stärken ihn, weil sie sich von ihm getroffen fühlen. Andere enttäuschen ihn, weil sie sich entziehen. Er wird jetzt aufgeben, glaubt man am Ende. Man hat selber nicht mehr die Kraft, ihn zu begleiten. Aber er geht doch weiter, allein.
Hinter der strengen erzählerischen Gestaltung spürt man die leidenschaftliche Zuneigung des Regisseurs zu seinen Figuren. Mit Yann Trégouët hat Otzenberger einen Hauptdarsteller gefunden, der mit seinem genauen und bewegenden Spiel, für diesen Film gemacht zu sein scheint.

Mittwoch, 20. Juni 2007

Ambitioniert und verzweifelt: "Les Ambitieux"

Ein junger Mann vom Lande kommt nach Paris, um als Künstler berühmt zu werden. Er verliert bald seine Illusionen, verändert mit seiner offenen Art jene, die er trifft - und er siegt am Ende.

Dieser Topos ist fast schon ein Genre für sich, der Paris-Bildungsroman, den im Grunde alle immer nur variieren. Auch Catherine Corsini greift in "Les Ambitieux" dieses Muster auf. Und wie ...

Julien, ein Buchhändler aus der Provinz, schreibt. Sein Traum ist natürlich, sein eigenes Buch im Handel zu wissen. Judith ist eine Pariser Verlegerin, zuständig für Nachwuchs. Das trifft sich nicht gut, sie liest ungern, Erstlinge schon gar nicht. Die beiden treffen aufeinander. Es rappelt von der ersten Minute an, nicht nur Julien an der Tür der Toilette, in die er sich versehentlich eingesperrt hat.

Am Ende ... ja, Schlüsse sollen hier nicht verraten werden. Aber da Catherine Corsini mit Klischees spielt, wird auch hier keines ausgelassen. "Die Sache endet traurig, sie kriegen sich", konnte der lapidare Kommentar zu einem Ausgang sein, der im Grunde gar nicht wichtig ist. Denn wo alle das bekommen, was sie wollen, beruflichen Erfolg und privates Glück, geht es bei diesem altbekannten Topos nur noch um eins: das Wie?

Wie rauschen diese beiden, die unterschiedlicher nicht sein könnten, ineinander, und wie schafft es die Regisseurin, die Klischees immer noch eine Runde weiter zu überdrehen, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt?

Denn wie Paris dargestellt wird und seine Salons, Talkshows, Verrate und Ränkespiele, das könnte bunter kaum sein. Unter dem Vorwand von Unterhaltungskino jubelt uns die ausgebildete Schauspielerin Corsini eine Gesellschaftssatire unter, die zynisch ist und decouvrierend, schillernd und selbst Teil dessen, was sie angreift. Daher die Irritationen, die den Zuschauer beschleichen, wenn er französisches Autorenkino erwartet und ein Werk zwischen Ware und Kunst serviert bekommt.

Résumé: Der Film bietet Stoff für Diskussionen - und ist mehr als einen Augenblick wert.

Wiederholung: Heute Abend, 21.00 Uhr, im Cinéma Paris

Dienstag, 19. Juni 2007

Lisa und Katja unterhalten sich über: "Les Ambitieux" von Catherine Corsini

K: Ja Lisa, würdest du denn den Film jemandem empfehlen, dass er sich den angucken soll?

L: Hhm, von meinem eigenen Standpunkt aus und meinem Faible für Filme: Nein!

K: Warum denn nicht?

L: Weil er mir zu geradlinig gestrickt ist, eine typische Drei-Akt-Struktur hat: Charaktere werden eingeleitet, ihre Handlungen... man weiß einfach genau, was sie als nächstes tun werden und was als nächstes passiert. Was sagst du denn?

K: Also was mir am Anfang aufgefallen ist, ist dass der gesamte Anfang komplett über Dialoge erzählt wird, also über Sprache. Wenn sie nicht erzählen würden, wer sie sind und was sie machen, würde man das niemals rauskriegen. Ich fand, dass ein Film so nicht gut anfängt. Dass dann ein Moment kommt, der eine ganz gute Idee ist, ganz witzig ist - diese Verwechslung im Büro - das ist ganz nett. Und von da an wird der Film aber eigentlich immer schlimmer bis zum Ende, was ganz furchtbar ist.

L: Ja, das ist auf einer Seite natürlich Kitsch pur, aber es ist französisches Komödienkino, und dafür ist der Film perfekt.

K: Ja, lieben das die Franzosen??

L: Das ist so typisch französisch, so wie ich es kennen gelernt habe, haut’s einfach nur hin: Diese Frau, wie sie aus der Bourgeoisie kommt, wie sie keine Gefühle zeigt, wie sie natürlich auf ihre Art über-ambitioniert ist - „les ambitieux“ man denke daran – und wie sie halt mit aller Kraft versucht ihre Schönheit, ihre Eleganz und ihr absolutes Dasein aufrecht zu erhalten, was natürlich nicht funktionieren kann. Das ist auch die einzige Essenz, die ich aus dem Film gezogen hab: Sie versucht natürlich nicht zu zeigen, dass sie überhaupt Gefühle hat und das ist der einzige Bruch den der Film macht, dass er halt zeigt, dass da doch Gefühle im Spiel sind und dass ein Mensch, gerade in unserer heutigen Gesellschaft eigentlich das Bild gibt, dass die Frau darstellt. Auch der Julien
ist ein typischer Gesellschaftsmensch, ist halt eher der Introvertierte, der versucht dringend irgendwas zu machen. Aber halt auch scheitert wie die tolle Pariser Schnecke, die halt sowieso on top steht und mit so’nem tollen Fernsehstar liiert scheint...Ja aber das einzige, was dabei herauskommt ist, dass man solche Menschen brechen kann und das man die aus ihren Gefühlen und aus ihren Ängsten herausholen kann, so dass sie einfach mal Menschen werden, wie wir sie allein oft nicht sein wollen und nicht versuchen sich der Gesellschaft anzupassen um möglichst toll zu sein.

K: Aber das fand ich bei dem Film auch so schade, weil ich fand - insgesamt, wie die Story aufgebaut ist, das war alles so wahnsinnig ausgedacht und unglaubhaft auch. Das dann irgendwie, als es dann „echt“ wird, dann wird geschrien und geheult und irgendwie soll dann ein wirkliches Drama passieren. Mir ging es dabei so, dass ich das dann eher lächerlich fand, weil es für mich
überhaupt nicht unterfüttert war. Also ich konnte das überhaupt nicht richtig nachvollziehen... ihren Zusammenbruch und so...Der war... vielleicht konnte man den nachdenken, aber ich konnte den nicht nachfühlen, weil der nicht... Da war nichts in dem Film und man konnte das alles nicht glauben, und das find ich immer besonders peinlich, also dann soll ein Film ne oberflächliche Komödie bleiben, aber wenn er dann versucht in die unteren Schichten vorzudringen, dann tuts irgendwie weh.

L: Okay, ja...

K: Eins fällt mir noch ein, weil du sagst: „typische französische Komödie“ ...

L: Ja, also auf diese typische Bourgeoisie-Art kann ich halb aus Erfahrung sagen, dass es das genau trifft. Und das Ding, was du gerade meintest, mit den Gefühlen, ist halt das Problem am Film. Das kann man, wenn man möchte, schon am Titel erkennen. Er ist halt über-ambitioniert.

K: Stimmt!

L: Er versucht halt alles in eine Tasche, eine Filmtasche, eine Filmrolle zu packen. Kann er aber nicht, weil: entweder oder: entweder Komödie oder Gefühl. So ein Mix ist leider sehr oberflächlich, aber genau das, was die Bourgeoisie gerne sieht. Sie sieht sich selber darin, sie weiß auch das sie Gefühle hat, aber sie lacht dann drüber: Huch, jetzt wird sie hysterisch, huch, jetzt kriegt sie einen Anfall, ha ha ha, ist das lustig. Also sie würden eher noch drüber lachen, wo ich halt sage: Hey das ist jetzt mal ein Funke, der ein bisschen Wahrheit sein könnte, der in solchen Szenen aber untergeht.

K: Hat irgendwo auch etwas teenagerhaftes. Also ich fand es wahnsinnig naiv, von der Geschichte her und auch wie es gemacht war. Also wie so ein Teenager, wie als ob sich so ein ganz junger Mensch diese Geschichte ausgedacht hätte und ich hab mich gefragt... Ich hab neulich einen Film gesehen, der hier ins Kino kam, und zwar „Kann das Liebe sein“, mit dem wunderbaren Titel und einer wunderbaren Besetzung: Sandrine Bonnaire und noch ein ganz guter Schauspieler (Vincent Lindon). Und das war ganz niedlich, aber auch eine recht einfallslose Komödie. Und ich dachte so: Ah, das ist doch so unfranzösisch, das kam mir so amerikanisch vor. Aber vielleicht stimmt das gar nicht, vielleicht wird es da in den gehobenen Gesellschaftsbedürfnissen gern gesehen.

L: Das ist auch genau die Sache, die Pascal Mérigeau angesprochen hat. Er ist so ein Verfechter des Cinéma d'Art et d'Essai und kritisiert, dass die Großen der Branchze immer mehr auf Hollywoodfilme setzen, so dass das amerikanische Kino jahrelang am besten da stand, gleich danach kommen schon die französischen Filme, von denen einige sehr kommerziell und teuer gemacht sind. Ein Kreislauf: Die Begeisterung des französischen Publikums für amerikanische Filme führt dazu, dass das französischen Publikum immer mehr mit Einfachem und Bewährtem “von zu Hause” gefüttert wird und es will eigentlich auch gar nichts anderes mehr sehen. Auch die offiziellen Einrichtungen Frankreichs schmücken sich gern mit dem französischen Kommerzkino. Demzufolge passen sich französische Produktionen an. Mérgeau hasst die UGC-Kette und die Vertreter des Kommerzkinos einfach mal. Und er hat viele Artikel im Nouvel Observateur und jetzt sogar ein Buchz dazu geschrieben, eine Art Abschied vom Kulturkino. Das französische Kino verflacht
auch deswegen, weil die Produzenten Kooperationen mit Fernsehsendern eingehen, die das Geld geben, damit so ein Film überhaupt produziert werden kann und dann muss der Film auch fernsehtauglich sein. Und was macht man abends vor dem Fernseher, als typischer Couchpotato, man guckt sich vielleicht ne Komödie an - und das ist genau, was der Film gemacht hat.


K: Genau, und ein bisschen Gefühl reingemixt.

L: Muss ja auch sein! Eben eine kleine Attitüde, die n bisschen schade ist über eigentlich ambitionierte, junge Menschen, die einmal raus in die Welt wollen. – Bis nach Deutschland auf die französische Filmwoche haben sie es geschafft...


K: ...und man fragt sich wie!

L: Das wird vielleicht das Publikum noch erfahren, da er als Abschlussfilm laufen wird am kommenden Mittwoch.


Das Gespräch wurde unbearbeitet wiedergegeben.

Notizen am Rande: "L'Intouchable"

ein Film von Benoît Jacquot 2006, Frankreich

...Klatsch!…
...ein unberührbarer Vater…
...ein unerträglicher Alltag
...ein hysterischer Brecht...
...ein sesshafter Nomade...
...ein unbekannter Unberührbarer...

An ihrem Geburtstag erfährt Jeanne von ihrer Mutter, dass sie einen indischen Vater hat, der zudem zur Kaste der Unberührbaren gehört. Danach kämpft sich die Fabel durch das Dickicht, Jeanne auf der Spur, die von dem Wunsch besessen ist, ihren Vater zu finden.

Der Film verbindet das Genre Road-movie mit existentiellen Prüfungen. Wir begleiten Jeanne auf eine Reise in das für sie unbekannte Indien. Um das möglich zu machen, muss sie sich zunächst selbst überwinden, ihr Theaterengagement aufgeben, sich auf dem Kinoaltar opfern, den sie abgrundtief hasst. Es fällt ihr relativ leicht, die Aufgaben dieser Prüfungen zu erkennen, zu bestehen und in dem dichtbesiedelten Indien den richtigen Weg zu finden. „Folge deiner Intuition, deinem Unbewussten, folge dir selbst...“, lautet ihre Maxime.

Wir lernen Jeanne in einem Moment von Emotionslosigkeit und Zurückhaltung kennen, wo sie an den Kulissen ihres Lebens vorbeigleitet. Sie verlässt die gewohnte und vertraute Umgebung, um ihre Freiheit zu gewinnen. Den Höhepunkt, der ihre Existenz ins Gleichgewicht bringt, erreicht die Reise in Indien. Ab dem Augenblick, in dem sie ein Bild von ihrem Vater hat, sind die Filmbilder gesättigt und Farbe wird zum wichtigen Element.

Jeanne - und damit auch der Zuschauer - ist der Distanzlosigkeit der Kamera ausgeliefert. Die Kamera folgt ihr und dem eigenartigen Panoptikum um sie herum auf Tritt und Schritt. Durch diese mobile, bewegliche Kamera und das minimalistische Licht wird der Film auf seine Art dokumentarisch.

Die Kameraführung verzichtet auf jegliche Bewertung des Geschehens. Sie beschränkt sich auf die Darstellung von Ereignissen: ein bestimmter Mensch in einer konkreten Situation, mit der wirklichen Vielfalt seiner unmittelbaren Lebenserfahrung, in der die notwendigen und zufälligen Momente miteinander verwoben sind.

Jacquot zeigt das Leben als eine unaufhörliche Unbeständigkeit, als eine diskrete Mischung aus verschiedenen Ereignissen, die trotz ihres bunten Mosaiks ein Lebensornament zeichnen.

Siehe auch Kritik zu L'Intouchable

"La raison du plus faible"

Lüttich, Belgien. Drei Arbeitslose wollen die Geschäftsleute bestehlen, die sich am Rückbau der lokalen Industrie bereichern. Ein Motorroller für die Frau, ein Urlaub, ein neuer Rollstuhl – groß sind ihre Wünsche nicht.

La Raison Du Plus Faible gibt sich erstmal als sympathisches Heist-Movie. Wir dürfen uns zurücklehnen und schmunzelnd die Pläne der drei Helden verfolgen, die sich von einem Profi, dem Ex-Knacki Marc, beraten lassen. Ernsthafte Probleme? Höchstens, dass die Nachbarn klopfen, weil das Absägen von Schrotflinten in der Etagenwohnung etwas zu laut gerät.

Für ihre Motivation lässt Regisseur Lucas Belvaux seine Figuren aber auch ernsthaftere Töne finden: „Sie haben uns fünf Generationen lang in der Stahlschmelze ausgebeutet. Die Fabrik wurde unser Leben. Jetzt verkaufen sie unser Leben und wir wollen unseren Teil abhaben.“ Der Film gönnt seinen Protagonisten volle Sympathie und die Moral haben habe sie auch auf ihrer Seite. Es geht nicht nur um einen Motorroller – es geht auch um Gerechtigkeit.

Der Überfall beginnt noch mit Slapstick-Humor zum Thema Währungsreform („Wieviel ist im Safe?“ - „Eine Million.“ - „Wieviel ist das in Euro?“ - „Naja, eine Million Euro!“). Doch natürlich geht der Plan nicht auf. Ein Wachmann wird erschossen. Die Polizei steht vor der Tür. Die Gelegenheitskriminellen sind überfordert, suchen gemeinsam mit ihrem erfahrenen Mentor Marc nach einem Ausweg. Die drei Helden stellen sich, Marc nimmt alle Verantwortung auf sich und flieht auf das Dach. Scharfschützen lauern, Hubschrauber, das volle Programm. Wir warten auf den genialen Twist, der Rettung bringt. Doch Marc stirbt im Kugelhagel, in großen Bildern, mit viel Pathos. Das war's.

Das soziale Thema des Films gerät in der zweiten Hälfte aus dem Focus, am Ende sind die Arbeitslosen nur noch drei kleine Jungs, die mit dem Feuer spielen und gerade noch davonkommen. Der einzige „echte“ Kriminelle Marc muss aber büßen und stirbt den Märtyrertod. Die skrupellosen Geschäftsleute bleiben unbeschadet (abgesehen vom Geld, das nett vom Wind unters Volk geweht wird). Tot ist nur der Wachmann. Am Anfang hatten die Protagonisten die Moral auf ihrer Seite. Was ist am Ende die Moral des Films? Bleib sauber, auch wenn es dir schlecht geht? Selbst die größte Ungerechtigkeit und die tiefste Liebe können Kriminalität nicht rechtfertigen? Das Recht des kleinen Mannes ist am Ende verschwunden.

La Raison Du Plus Faible spielt auf zu vielen Ebenen. Er versucht ein Genre zu bedienen, dessen Form er nicht erfüllen kann. Er konstruiert Motivationen, die einfach fallen gelassen werden. Es muss nicht immer ein Happy End sein. Ein Film muss nicht immer Antworten geben. Aber er sollte wenigstens Fragen stellen. Hier bleibt nur ein diffuses „Was soll das?“

Ach ja, die Musik war auch langweilig.

Montag, 18. Juni 2007

LES AMBITIEUX

Macht und Medien – vor diesem Hintergrund erzählt „Les Ambitieux“ die Liebesgeschichte zwischen dem Schriftsteller Julien (Eric Caravaca) und der Verlegerin Judith (Karin Viard). Julien, naiv und jung, macht sich von der Provinz aus auf den Weg nach Paris. Dort lernt er die erfolgreiche und unerbittliche Judith kennen. Die beiden beginnen eine heftige Affäre, geprägt von Angst und Misstrauen. Julien, getrieben vom Ehrgeiz, findet in Judiths Wohnung das versteckte Tagebuch ihres als Revolutionskämpfer verstorbenen Vaters und schreibt darüber, ohne Judiths Wissen, seinen ersten großen Roman. Als er Judith das fertige Manuskript zu lesen gibt, verbietet ihm diese es zu veröffentlichen und verlässt ihn. Aber er publiziert es trotzdem – mit großem Erfolg.
Regisseurin Catherine Corsini, die zuletzt „Mariées mais pas trop“ (2003) mit Jane Birkin drehte, beschäftigt sich in ihrem aktuellen Film „Les Ambitieux“ (2006) wieder mit Themen, wie Egoismus, Konkurrenzkampf und Anerkennung. Dabei stellt sie die Ängste, Schwächen und Fehler moderner Menschen dar, deren Ziel der berufliche Erfolg ist, da sie in ihm ihre einzige Chance auf Glück sehen. Der Preis für diese berufliche Selbstverwirklichung, die nie erreicht wird, ist hoch: die eigenen persönlichen Wünsche und Bedürfnisse werden unterdrückt und es muss zwangsläufig zum persönlichen Fiasko kommen.
Corsini gelingt es nur ansatzweise, sich diesem Thema zu nähern. Das liegt teilweise daran, dass der Film einerseits amüsant und unterhaltsam und andererseits tiefgründig sein möchte. Diesen, zugegeben schwierigen Spagat, schafft Corsini leider nicht. „Les Ambitieux“ ist weder eine Komödie, noch eine gesellschaftliche Studie des französischen, literarischen Milieus mit all seinen Ängsten, Schwächen und Fehlern. Stattdessen wirkt die Story vorhersehbar, da es weder Überraschungsmomente noch Wendungen innerhalb des Plots gibt. Gleiches gilt für das vornehme, geschmackvolle Umfeld des Films, das ständig gleich bleibt und somit auf Dauer Langeweile erzeugt.
Auch Schauspielerin Karin Viard, die bereits in „La Nouvelle Ève“ (1999) mit Corsini zusammengearbeitet hat und 2000 als beste Hauptdarstellerin mit dem César für „Haut les coeurs“ ausgezeichnet wurde, schafft es nicht, sich dem Thema tiefgründig zu nähern. Die Emotionen wirken oftmals ein wenig zu laut, zu aufgesetzt – ein wenig „überambitioniert“.
Mit „Les Ambitieux“ hat Corsini einen Film geschaffen, der leider absolut vorhersehbar ist und somit dem Zuschauer keine Spannung bietet.

"Pardonnez-Moi"

Längst führt Violette ein eigenes Leben – sie arbeitet als Schauspielerin, lebt mit ihrem Freund zusammen. Aber dennoch, jede Begegnung mit ihrem Vater bringt ihre Welt erneut ins Wanken. Nun, da sie selbst ein Kind erwartet, beschließt sie, nicht länger vor ihrer Vergangenheit davonzulaufen. Bewaffnet mit eine Video-Kamera fühlt sie sich stark genug, dem die Stirn zu bieten, was sie noch immer kleine hält. Sie dringt in ihre Familie ein, wie ein Feind, der zu spät erkannt wird. Familienfeier - „Voila! Dies hier ist dein echter Vater!“ sagt sie zu ihrer Schwester und präsentiert einen wildfremden Mann. Sie richtet die Kamera auf ihren Vater und lacht, während sie sagt: „Auf Papa, der mich zehn Jahre lang geschlagen hat!“ Die Familie schreit, die Familie weint, aber die Familie bricht nicht auseinander.

Maiwenn hat die Idee zu „Pardonnez-Moi“ entwickelt, sie führte Regie und spielte die Hauptrolle. Es ist ihre eigene Geschichte – zum Teil, wie sie sagt. Dazu erfunden hat sie Dinge, die sie für sich gewünscht hätte. Dazu erfunden hat sie nicht, was sie am meisten gebraucht hat – das „Verzeih mir“ ihres Vaters. So hart sie darum kämpft, welche Schmerzgrenzen – eigene und die der anderen – sie auch überschreitet, sie bekommt es nicht. Sie muss trotzdem weiterleben. Und das tut sie – auch durch diesen Film.

Was „Pardonnez-Moi“ so reich macht, ist ein starker Ausdruckswille, der sich in keine Form pressen lassen will. Der Film ist eine beständige Suche – nach Wahrheit, nach Identität, nach Aktivität. Und eine Suche nach Ausdruck, nach Erzählform, nach dem Zusammenführen von Inhalt und Form. Dies gelingt ebenso, wie eine seltene Balance: „Pardonnez-Moi“ bringt Gefühle und Gedanken gleichermaßen in Bewegung. Was hier fehlt ist Routine. Und sie fehlt überhaupt nicht! Ein sehr sehenswerter Film, der aufs Neue zeigt, dass ein ambitionierter Film, der komplett ohne finanzielle Förderungen entstanden ist, mehr wiegen kann, als – sagen wir – als manche andere, in denen viel Geld steckt, aber etwas weitaus wichtigeres fehlt.

Siehe auch Zuschauergespräch mit Maïwenn

Sonntag, 17. Juni 2007

Hohle Gesten - «L’intouchable»



Als Jeanne erfährt, dass ihr Vater ein Inder aus der Kaste der „Unberührbaren“ ist, macht sich die junge Schauspielerin auf die Reise in das Land ihres vermeintlichen Vaters. „L’intouchable“ - nach „Sade“ (2000) und „A tout de suite“ (2004) der dritte gemeinsame Film von Hauptdarstellerin Isild Le Besco und Regisseur Benoît Jacquot - ist ein Film der Gesten und Blicke.

Die im Titel erwähnte Berührung - oder eher ihre Unmöglichkeit – wird im Film in zahlreichen Facetten widergespiegelt. Die erste Einstellung des Films ist eine Ohrfeige, die Jeanne von ihrer Mutter bekommt. Höhepunkt eines Streits, der vielleicht Anlass für die Mutter war, ihr das Schweigen über die Identität von Jeannes Vater endlich zu brechen. Berührungen geschehen jedoch auch aus Verlegenheit oder aufgrund einer räumlichen Enge, wie etwa der Kuss eines Fremden oder ein scheinbar zufälliger Körperkontakt in der U-Bahn. Die nicht zugelassenen Berührungen, wie die Ablehnung körperlicher Zärtlichkeit des Liebhabers oder auch nur eine unterbundene Umarmung zwischen Bruder und Schwester, zählen wohl zu den besonderen Augenblicken des Films.
Jeanne ist Schauspielerin. Gesten und Blicke sind gewissermaßen ihr Beruf – Werkzeuge ihres Handwerks. Dementsprechend professionell nimmt Jeanne eine Filmrolle an, um sich die Reise nach Indien leisten zu können. Intimität und der körperliche Ausdruck menschlicher Gefühle werden am Set mit Scheinwerfern ausgeleuchtet und technisch zur Schau gestellt.
In einem Vorgespräch verglich Autor und Regisseur Benoît Jacqout die Intimität zwischen den Darstellern und Inszenierenden bei der mise-en-scène gern mit einem Akt der Liebe. Zum Gegenentwurf muss sich Jeanne schließlich während der Dreharbeiten des Films im Film durchringen. Eine Sexszene wird zur Superlative der hohlen Gesten. Die Kamera dokumentiert dirigierte, mechanische Bewegungen, Blicke und Gesten. Eine Selbstreferenz, in der Jacquot zeigt, wovon er sich abzugrenzen begehrt, indem er versucht, die Kamera Zeuge des Austauschs und Wechselwirkens von Figur, Darsteller und Regisseur werden zu lassen. Fraglich bleibt jedoch, welche Art von Intimität Jacquot mit der ausführlichen Darstellung einer weiteren „professionellen Berührung“ zu erzeugen versuchte, wenn die Kamera minutenlang den Körper seiner Muse Isild le Besco bei einer Ayurveda-Massage filmt.
Nach ihrer Ankunft in Indien gibt es eine Zäsur in der Subjektiven. Eine lange Einstellung zeigt eine volle Straße in Delhi. Immer wieder blicken Passanten neugierig, erstaunt oder amüsiert in die Kamera. Es sind die Blicke auf eine Fremde. Blicke, die Jeanne auf ihrer gesamten Reise begleiten werden. Und dennoch ist Jeanne hier nicht fremder als in Frankreich. Plötzlich läuft sie selbst in das Bild, das in der Sekunde zu vor noch ihr eigener Blick gewesen ist.
Geschickt hat sich Jacquot einen Produktionsumstand als Mittel der filmischen Desillusionierung zu Nutze gemacht und zeigt, dass in den Blicken der Verwunderung und Skepsis mehr Aufrichtigkeit liegt als die körperlichen Gesten und Berührungen, die Jeanne vor ihrer Abreise erfuhr. In Indien, wo Berührungen rar sind und nicht inflationär verschenkt werden, erkennt Jeanne die Bedeutung einer ausgestreckten Hand neu. Somit ist nicht der fehlende Vater durch seine Unerreichbarkeit unberührbar im Sinne von unerreichbar gewesen; sondern vielleicht war Jeanne selbst schon zum Zeitpunkt ihrer Abreise nach Indien die Unberührbare  -  l’intouchable!



«L’intouchable» (2006) 

Drehbuch & Regie:
Benoît Jacquot
Darsteller: Isild Le Besco, Bérengère Bonvoisin, Marc Barbé, Manuel Munz Louis Do Lencquesaing

Von glücklichen Kühen - «Ici Najac, à vous la Terre»



Ein einarmiger Hobby-Clown, ein unermüdlicher 80-jähriger Autowracksammler und der wahrscheinlich faulste Bahnwärter der Welt. Nur drei der unzähligen skurrilen Charaktere in Jean-Henri Meuniers «Ici Najac, à vous la Terre ». Für diesem Film erfand die französische Presse nach der Aufführung in Cannes sogar ein neues Genre: eine Dokumentarkomödie mit „glokalem“ Anspruch.

Und tatsächlich inszeniert und montiert Meunier die Bewohner des französischen Dorfes Najac vordergründig nach den Regeln der Komödie, jedoch ohne über den provinziellen Hintergrund zu urteilen oder die persönlichen Merkwürdigkeiten zu spotten. Über einen Zeitraum mehrerer hat er mit einer DV-Kamera einige Menschen Najacs begleitet und liebevoll das Besondere im Banalen und das Schöne im Alltäglichen portraitiert. Wie in einer ökologischen Nische scheint sich in Najac längst verloren geglaubtes bewahrt zu haben: scheinbar fernab liberalisierter Märkte und nur in geringem Maße von den technischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts geprägt, haben sich hier klassische Berufsbilder wie Bäcker, Steinmetz, Winzer und Bauer erhalten. Hier in der Provinz mit ihrer vermeintlichen Rückständigkeit werden Lebensentwürfe vorgelebt, wie sie erst seit den letzten Jahren wieder einer breiten Öffentlichkeit als zukunftsweisend erscheinen. So mahnt der Dorfbäcker, der das Getreide für sein Brot selbst sät und erntet, die Dinge stets in einem kleinen Maßstab zu betrachten, um den Blick für den großen Zusammenhang und die Wechselbeziehung der Dinge nicht zu verlieren. In einer Zeit in der Globalisierungskritik zum guten Ton gehört, beruft man sich hier auf Erkenntnisse von Alltagserfahrungen und nicht zuletzt den gesunden Menschenverstand.
Auch Jean-Henri Meunier hält den Betrachtungsausschnitt des Films in einem kleinen Rahmen, woraus sich der Vorwurf ableiten lässt, dass « Ici Najac,…» kein repräsentatives Bild der Region, sondern ein Kuriositätenkabinett aus der Provinz ist. Wie nach Ende des Films eine junge Frau aus dem Publikum, die selbst aus der Region stammt, bemerkt, wurde der Film dort sehr zwiespältig aufgenommen und wird mittlerweile in erster Linie Touristen vorgeführt. Mit dem Lächeln eines Gebrauchtwagenverkäufers streicht sich Meunier durch das lange, schüttere Haar und weist den Anspruch von sich, dass der Film ein Portrait der Region sein sollte. Wie er erklärt, ist er vor zehn Jahren selbst von Paris nach Najac gezogen und hat zunächst sporadisch begonnen, neuen Nachbarn und Freunde zu filmen. Erst nach und nach sei die Idee entstanden, einen Film aus hunderten Stunden Video zu schneiden. So ist zunächst der „La vie comme elle va“ (2004) entstanden. Dann entstand «Ici Najac,…» als zweiter Teil einer geplanten Trilogie.
Meunier erklärt weiter, er habe einen Film über Menschen gemacht, die ihn interessieren und deren Lebensweisen und Meinungen er sehr schätze. So müsse der Film weniger als Dokumentarfilm betrachtet werden, sondern eher als Home Movie oder Urlaubsvideo. Dieser Kontext rechtfertigt den selektiven Blick und die verzerrende Darstellung, die einige Gemüter im Aveyron angeblich so erhitzt. Wie Meunier abschließend erklärt, habe er keine Angst, dass die bauernschlauen Einwohner Najacs nicht auch ihren Vorteil aus der neu erlangten Popularität ziehen würden.
Meunier streicht sich ein letztes Mal mit den Fingern durch die Haare und fordert abschließend in einem feurigen Monolog die Liberalisierung des Films als Kunstform und ruft auf, neugierig zu blieben, einfach Filme zu drehen und sich dabei nicht von formalen Zwängen einschränken zu lassen.
Na, dann…!
«Ici Najac, à vous la Terre» (2006)
Drehbuch, Regie & Kamera: Jean-Henri Meunier
Darsteller: Arnaud Barre, Henri Sauzeau, Robert Roussel, Serge Itkine


Zu "La raison du plus faible" von Lucas Belvaux

"Auf dem Gipfel des Hochofens führt um das Maschinenhaus des Schrägaufzuges eine beängstigend enge Balustrade. Hier oben, wo's höher als auf Kirchturmspitzen ist, muss man nicht zwischen glühenden Stahlstücken, offenen Versenkungen und rollenden Radreifen balancieren, von fallenden Lasten und zischend emporlodernden Flammen erschreckt und vom Klirren und Hämmern entnervt. Und doch überblickt man die ganze Landschaft, die uns bewusste Laien tagsüber bewegt und begeistert hat, wir umfassen von höherer Warte die Plätze, auf denen uns heiße Eindrücke eingepresst wurden; wir können auf diesem Prospekt den Weg voll verwirrender Schönheit und bitterer Reflexion rekapitulieren, den wir heute gingen und den alltäglich und allnächtlich das Erz geht und die Arbeit in allen Stadien."

Hier fängt kein Film an, sondern die Reportage "Stahlwerk in Bochum, vom Hochofen aus gesehen" von Egon Erwin Kisch. Dieses Setting ist bekannt - und wird auch im Film "La raison du plus faible" erzählt. Der Belgier Lucas Belvaux, der vor drei Jahren mit einer spannend konstruierten Trilogie "Un couple épatant" / "cavale" / "après la vie" auch das Berliner Publikum überzeugte, ist nun aus der Région Rhône-Alpes nach Belgien zurückgekehrt und schildert eine Episode aus dem Schatten der Hochöfen von Liège. Hochöfen, die in Zeiten der Globalisierung demontiert werden - und so beginnt der Kinofilm mit dem Bericht aus der guten alten Zeit. Die Stahlwerker und ihre Kinder, die den "Adelsstand unter den Arbeitern" eingenommen hatten, erzählen diese Vergangenheit dem kleinen Steve, dem Sohn zweier Hauptfiguren, und der Grundschüler ist sichtlich stolz darauf, dass "beide Opas" diesem Adel angehörten.

Die Jetztzeit indes ist traurig. Der Film erzählt den Alltag der arbeitslos gewordenen Arbeiter. Sie müssen zusehen, wie ihre Fabrik demontiert und im Zuge der Globalisierung in den Osten verkauft wird, der Rest wird als Schrott versilbert. Aber die Geschäftsführer des Liquidationsunternehmens haben oft abends hohe Summen Bargelds im Safe. Das bringt einen von ihnen auf eine Idee ...

"La raison du plus faible" ist aus der Perspektive der Protagonisten erzählt, die ähnlich wie in Schlöndorffs "Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach" einen Geldtransport überfallen - doch anders als im Film von 1970, der zum "Neuen deutschen Film" zählt, endet der Überfall so, wie es der Zuschauer von Anfang an befürchtet. (In der deutschen "Literaturverfilmung" eines Gerichtsprotokolls von 1825 gelang der Coup, die armen hessischen Bauern hatten sich danach indes durch ihren plötzlichen Reichtum verdächtig gemacht).

Die Orte der Schwerindustrie sind gut gewählt, sie sind eindrucksvoll fotografiert, und Lucas Belvaux' Film, der letztes Jahr in Cannes im Wettbewerb lief, lässt die Erinnerung an die Hochöfen zumindest anklingen. Es klingt aber auch noch mehr an, die Funktionsweisen verschiedener Genres nämlich, Komödie, Thriller und Melodram. Der Regisseur hat ein wunderbares Team um sich herum versammelt - von Natacha Régnier, Claude Semal, Eric Caravca - und Lucas Belvaux spielt ebenfalls mit. Auch einen wallonischen Theaterschauspieler konnte er für sein Projekt gewinnen, wie auch das wallonische Französisch hier zu Ehren kommt. (Was hat wohl die französische Filmförderung dazu gesagt, in der es für die Verwendung der französischen Sprache mehr Geld gibt?)

Anders als die französische Kritik waren wir als Zuschauer'kollektiv' des Seminars allerdings vom Film nicht überzeugt. Gerade die Unentschiedenheit zwischen den Genres, die Zwangsläufigkeit, mit der es am Ende zum Show down kommt, und die Ausweglosigkeit, die darin liegt, enttäuschten selbst jene, die von der Trilogie vor drei Jahren nichts gehört hatten, die sich also ohne Erwartungen auf den Film einließen.

So dass wir weiter über gute Texte nachdachten und Kisch über die Schulter schauten. Aktives Schreiben, mit allen Sinnen: hier oben mit Blick über die Hochöfen ist es beängstigend eng, wir spüren glühenden Stahl, lodernde Flammen, hören Hammern und Klirren und sind bedroht von vorbeibalancierenden Schwerlasten und sich nach unten öffnenden Versenkungen ...

Permettez-moi de clore avec Kracauer / Erlaubt mir, mit Kracauer zu enden: "Hundert Berichte aus einer Fabrik lassen sich nicht zur Wirklichkeit der Fabrik addieren, sondern bleiben bis in alle Ewigkeit hundert Fabrikansichten. Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion."

Das Gleiche gilt für Kino, na klar.

Samstag, 16.6.2007, 16.30 Uhr im FAF, Sonntag, 17.5.2007, 19.00 Uhr im Cinéma Paris

Samstag, 16. Juni 2007

Die Farben der Ehre: "Indigènes"

- ein Film von Rachid Bouchareb -

Grau, blau, braun und beige, dazu schneeweiß und blutrot sind die Farben von "Indigènes".

Sandfarben ist das Tal, in dem ein Trupp nordafrikanischer Söldner 1943 auf der Seite Frankreichs gegen Rommels Afrikacorps kämpft. Sie sollen die Front auf dem Bergkamm angreifen. Die "Eingeborenen" (Indigènes) aus den Kolonien sind kaum ausgebildet worden, mehr brauchen sie in den Augen der Militärstrategen nicht. Als die Wehrmacht ihre Positionen durch Feuer offenbart, "legt" der französische Generalstab mit Kanonenschüssen "nach". Die Frontlinie bricht. Unter ihnen auch die Brüder Yassir und Saïd, nachdenklich und umsichtig der eine, ein Analphabet von anrührend schlichtem Gemüt der andere. Wie durch ein Wunder überleben beide die Schlacht.

Blau ist der Himmel, als die Söldner aus den Kolonien in Frankreich ankommen. Marseilles Einwohner feiern die fremden Kämpfer mit Jubel und Musik; sie sind Helden. Am Rand der Parade lernt Yassir eine südfranzösische Schönheit kennen, es ist Liebe auf den ersten Blick, die beiden verbringen eine Nacht miteinander. Yassir fängt an, von einem Leben in Frankreich zu träumen, denn hier fühlt er sich zum ersten Mal nicht diskriminiert.

Grau sind die Steine des Städtchens, in der die Söldner am frühen Morgen ankommen. Es ist, als schliefe Frankreich, während dunkle Gestalten zu Fuß und mit Mauleseln an verschlossenen Fensterläden vorbeimarschieren. Sie sollen den Nord- und Ostfrankreich aus den Klauen der Deutschen befreien. Auch hier sind sie auf unübersichtlichem Gelände: Schnüre, auf Fußhöhe gespannt, machen sie selbst zu Auslösern mehrer Granatenschläge, die für einige tödlich verlaufen. Yassir treibt dennoch alle an, das "Heimatland" zu befreien, denn er hofft, am Ende die gleiche Anerkennung zu erfahren wie in Marseille. Er träumt von seiner Liebsten.

Braun und weiß ist das Elsass, sind die Fachwerkhäuser im Schnee. Hier hat schon ein Gemetzel stattgefunden, hier ist der Hinterhalt, der erst einem deutschen Spähtrupp, dann der Söldnertruppe in einem blutigen Showdown das Leben kosten wird.

Grün sind die letzten Bilder: Abdelkader, der einzige Überlebende des Gemetzels, besucht als alter Mann den Soldatenfriedhof, darunter auch die Gräber der Brüder Yassir und Saïd. Nüchtern klären Schrifttafeln die Zuschauer darüber auf, dass die Renten nordafrikanischer Frankreichkämpfer 1959 eingefroren worden sind. Ihre Renten wurden erst letztes Jahr durch die Diskussionen, die der Film ausgelöst hat, angepasst.

Wiederholung: Sonntag, 17. Juni 2006, 21.30 im Filmtheater am Friedrichshain

"La Neuvaine"

Eine depressive Ärztin, die nicht verwinden kann, dass eine Patientin vor ihren Augen erschossen wurde, trifft einen jungen Mann, der sich nicht damit abfinden will, dass seine Großmutter bald sterben wird. Die eine flieht aus ihrem Umfeld, will sich gar vollkommen aus dem Leben verabschieden, der andere hält sich fest – an der Religion. Am Ende kann jeder dem anderen etwas geben.

In klaren, konzentrierten Bildern erzählt der kanadische Regisseur Bernard Émond die Geschichte der traumatisierten Ärztin Jeanne. Als sie entschlossen auf den Fluss zugeht, stört sie nur zufällig der junge François und verhindert ihren Selbstmord. Das Zeitfenster, in dem er auftaucht, entsteht erst durch die einzige optische Spielerei im Film: Durch die filmische Verflachung des Raums wähnt der Zuschauer die nachdenkende Jeanne schon unmittelbar vor dem Freitod im Fluss (hierzu unbedingt auch Rudolf Arnheims „Film als Kunst“ lesen).

Ohne ihre traumatische Geschichte zu erzählen, die auch der Zuschauer nur in komplexen Rückblenden erfährt, findet Jeanne Halt bei dem stoisch ruhigen Dorfmenschen. Seine tiefreligiöse Novene (La Neuvaine), in der er tagelang für die Heilung der hoffnungslos herzkranken Großmutter betet, betrachtet sie mit Distanz, seine konsequente Hoffnung lässt Jeanne aber mit der Zeit selbst wieder Mut schöpfen.
François findet seine Ruhe erst, als Jeanne ihm in ihrer weltlichen, medizinischen Art den unausweichlichen Tod seiner Großmutter als ein humanes Ende beschreibt.

Auch wenn die Charaktere am Ende beide voneinander lernen, steht die Religion im Mittelpunkt des Filmes. François' Vertrauen auf ein katholisches Wunder kann Jeanne zwar nicht teilen, doch auch sie sucht in inneren Zwiegesprächen nach dem Halt einer höheren Instanz. Wegen seinem undogmatischen Zugang zur Religiosität wurde der Film 2005 von der Ökumenischen Filmjury ausgezeichnet.

Weitere Vorführungen: So, 17.6. 2007 um 17 Uhr im Cinéma Paris


www.laneuvaine.com