Donnerstag, 21. Juni 2007

Itinéraires - auf der Flucht mit Christophe Otzenberger und Yann Trégouët

Wohin dieser Weg führen wird, bleibt offen. Er beginnt in einem französischen Dorf - man darf auch sagen Kaff, um etwas von der Atmosphäre anklingen zu lassen. Thierry, vielleicht gerade volljährig, vertreibt sich die Zeit mit kleinen Gaunereien – Einbrüche beim Schweinezüchter, Ferkel werden befreit, Fleisch wird vertickt. Langeweile, jugendlicher Übermut. Doch dann stirbt ein Mann. Thierry steht dabei, kann nicht verhindern, was sein Freund tut, fühlt sich schuldig. Mit wenigen Strichen ist ein Charakter entstanden, ein junger Mann voll Überschwang und Schüchternheit. Er schießt nicht und kein Schuss trifft ihn, aber er wird getroffen von seinem Gewissen, kann sich nicht entziehen.
Nach dem Gefängnis, ein Déjà-vu – Thierry findet in der Fahrerkabine eines Fernlasters einen Toten. Er meldet sich bei der Polizei, gerät als Vorbestrafter schnell in Verdacht, ist gefangen gehalten von ignoranten Kommissaren und Richtern. Dann beginnt die Flucht.
Die Spannung, von der „Itinéraires“ durchgehend getragen wird, ist nicht die einer wilden Verfolgungsdramaturgie. Diese Flucht ist selten Schnelligkeit. Sie ist Stillstand, Bewegungslosigkeit, Hilflosigkeit. Die Flucht hält Thierry gefangen. Es ist die kompromisslos ehrliche Darstellung der Personen und ihrer Begegnungen, mit der es Regisseur Christophe Otzenberger gelingt, die Zuschauer in innerer Bewegtheit zu halten. Er gönnt sich und seinem Film keine Vereinfachungen und er verkompliziert auch nicht. Er sucht nach Genauigkeit, beschreibt ohne Wertung. Wenige Szenen, die Thierry nach seinem Gefängnisaufenthalt im Elternhaus zeigen, genügen, um seine Kindheit auferstehen zu lassen, geben seinem Charakter Tiefe, ohne die Eltern zu denunzieren. Kleine Gesten eröffnen dem Blick Wege, die an kein Ende kommen, zu keinem festgeschriebenen Bild. Der Blick bleibt in Bewegung.
So geht es weiter, auf dem ganzen Weg durch farblose Vorstädte und Dörfer. Thierry begegnet Menschen und macht sie sichtbar. Diese Begegnungen sind alles, was er hat. Manche stärken ihn, weil sie sich von ihm getroffen fühlen. Andere enttäuschen ihn, weil sie sich entziehen. Er wird jetzt aufgeben, glaubt man am Ende. Man hat selber nicht mehr die Kraft, ihn zu begleiten. Aber er geht doch weiter, allein.
Hinter der strengen erzählerischen Gestaltung spürt man die leidenschaftliche Zuneigung des Regisseurs zu seinen Figuren. Mit Yann Trégouët hat Otzenberger einen Hauptdarsteller gefunden, der mit seinem genauen und bewegenden Spiel, für diesen Film gemacht zu sein scheint.

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